Ein EU-Beitritt der Türkei
brächte viele Probleme für Deutschland mit sich. Diese Auffassung vertritt Stefan
Luft gegenüber unserer Zeitung. Mit dem Bremer Politikwissenschaftler, der sich
in mehreren Veröffentlichungen mit den Themen Integration und Zuwanderung befasst
hat, sprach unser Redakteur Norbert Pfeifer.
Frage: Was würde ein EU-Beitritt Ankaras für die Integration
der hier lebenden Türken bedeuten?
Stefan Luft: Die am wenigsten integrierte Ausländergruppe würde durch erweiterte
Zuwanderungsmöglichkeiten weiter wachsen. Das würde die Integration der türkischstämmigen
Wohnbevölkerung in den ethnischen Kolonien der Ballungszentren jedenfalls nicht
fördern. Die Bundesrepublik muss deshalb ein großes Interesse daran haben, dass
es keine starke Ausweitung der Zuwanderung aus der Türkei gibt. Viele geringqualifizierte
Türken aus ländlichen Gebieten suchen in den Ballungszentren ihres Landes, aber
auch im Ausland eine wirtschaftliche Perspektive. Die Bundesrepublik wäre von
einem Beitritt der Türkei zur EU und der damit verbundenen Niederlassungsfreiheit
am stärksten betroffen. Der Grund sind die Netzwerkeffekte, die dazu geführt
haben, dass drei Viertel aller türkischen Staatsangehörigen in der EU in der
Bundesrepublik leben.
Als Signal an die Türken, dass sie willkommen sind,
sehen Sie eine klare Beitrittsperspektive nicht?
Ja sicher, das wäre ein Signal.
Aber man muss abwägen. Die Wortführer der Eliten und der Lobbygruppen würden
diese Aussicht begrüßen. Dass dies die Integration nachhaltig fördern würde,
halte ich jedoch angesichts der Ursachen der Integrationsmisere für nicht wahrscheinlich.
Wir haben uns vorrangig darum zu kümmern, der hier lebenden türkischstämmigen
Bevölkerung bessere Integrationsperspektiven zu geben.
Die Türken könnten sich, wenn
der Prozess der Annäherung an die EU scheitert, enttäuscht abwenden und verstärkt
den Rückzug in Parallelgesellschaften suchen.
Ob in den ethnischen Kolonien
Parallelstrukturen entstehen oder nicht, hat nicht in erster Linie damit zu
tun, ob man der Türkei die Perspektive der EU-Mitgliedschaft gibt oder nicht.
Entscheidend sind die Lebensbedingungen in den ethnischen Kolonien, in denen
einzelne Zuwanderergruppen weitgehend unter sich bleiben.
Was müssen die Deutschen für eine bessere Integration
der Türken tun?
Als allererstes muss der Bildungskatastrophe
begegnet werden. Es gibt eine dünne Schicht von Aufsteigern und eine breite
Schicht, die zurückgelassen wird. Die Kluft zwischen beiden wird immer größer.
Der Zusammenhang zwischen einer hohen ethnischen Konzentration im Wohnumfeld
und einem mangelhaften Erwerb der Zweitsprache Deutsch muss Konsequenzen haben.
Zuwanderer aus der Türkei und ihre Nachkommen verzeichnen die niedrigste Ausbildungsquote
unter allen Zuwanderern. Hinzu kommen muss schließlich eine Belebung des Arbeitsmarktes.
Und die Türken?
Sie müssen sich darüber im
Klaren sein, dass die Integrationsleistung nicht an den Staat delegiert werden
kann. Das Aufnahmeland erwartet, dass sie sich darum bemühen, die Sprache zu
erlernen. Außerdem kommen sie nicht um eine gewisse Anpassung herum, das heißt,
sie müssen - ohne ihre kulturellen Wurzeln zu leugnen - bestimmte Integrationsleistungen
erbringen.
Zum Beispiel?
In erster Linie geht es um
bestimmte Umgangsformen. Wenn zum Beispiel junge türkischstämmige Frauen das
Kopftuch nicht ablegen wollen, weil es für sie zu ihrer religiösen Identität
gehört, muss man sich nicht wundern, wenn Ausbildungsbetriebe andere Frauen
wählen.
Bildung und Arbeit sind also derzeit wichtiger als EU-Perspektiven?
Ja. Wenn die Integration in
das Bildungssystem und in den Arbeitsmarkt in den nächsten Jahrzehnten gelungen
sein sollte, dann wird man auch aus deutscher Sicht über die Frage, ob die Türkei
der EU beitreten kann oder nicht, nachdenken können.
Zur Zeit wäre es sicher kontraproduktiv.
© Bremer Tageszeitungen AG 08.11.2006. Der Abdruck von Artikeln und Bildern oder deren Übernahme in Internet-Auftritte ist unzulässig. Ausgenommen sind die durch § 49 UrhG geregelten Fälle. Zur Verwendung von Texten oder Fotos in Pressespiegeln u.ä. wenden Sie sich bitte an die PMG Presse-Monitor GmbH, www.pressemonitor.de